Poesie und Philosophie

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Deutschland, 24. Juni 2026          Brief Nr. 2  2026

Spaziergänge zwischen Poesie und Philosophie

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Wanderlust

Fundstücke: 
Gedichte: „Wanderlust“ / „Der frohe Wandersmann“/ „Ausfahrt“ / „Im Juni“ 

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Liebe Leser!

Irgendwo in Amerika auf einer Bootstour sitze ich inmitten einer Gruppe US-Amerikaner. Als es wärmer wird, werden die Jacken ausgezogen. Die Dame neben mir hat eine Tätowierung am Oberarm: „wanderlust“. Ich beginne interessiert ein Gespräch mit der Frage, ob sie früher einmal auf einer Wanderung in Deutschland unterwegs gewesen sei. Nein, wieso? Ich deute auf ihre Tätowierung und meine, das sei ein deutsches Wort. Nicht nur, kommt die erstaunte Antwort, das sei auch ein amerikanisches Wort und stehe für Fernweh und Reiselust – und sie sei tatsächlich immer gerne unterwegs.

Zuhause sehe ich nach und erfahre, dass das Wort Wanderlust ab 1902 in englischsprachigen Wörterbüchern auftaucht und vermutlich im 19. Jahrhundert als Entlehnung aus dem Deutschen ins Englische gewandert ist. Insbesondere die deutschen Romantiker, wie z. B. Joseph von Eichendorff (1788–1857) als Schriftsteller („Aus dem Leben eines Taugenichts“) oder Caspar David Friedrich (1774–1840) als Maler sehnsuchtsvoller Gemälde (z. B. „Der Wanderer über dem Nebelmeer“), haben die Wanderlust in den Deutschen geweckt und viele Wortschöpfungen in Zusammenhang mit „Wandern“ kreiert. 

So ergriff Ende des 19. Jahrhunderts eine Wanderbegeisterung die Deutschen, mit Jugend- und Studentengruppen, die sich zum Wandern verabredeten. Ab 1896 entstand dann aus einer Schülerwandergruppe am Steglitzer Gymnasium die Jugendbewegung „Der Wandervogel“, die viel dazu beitrug, dass das Wandern hochgehalten wurde. Im Rahmen der Wanderbegeisterung entstanden viele Wandergedichte und -lieder, die in der Volksmusik und dem Volkstanz Einzug hielten. Hier schließt sich auch der Schriftsteller Joseph Victor von Scheffel (1826–1886) an, der in vielen Gedichten und Erzählungen die Begeisterung am Wandern und an der Natur aufgreift.

Wenn auch mit einer leichten Bedeutungsverschiebung, das Wort wanderlust erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit im englischsprachigen Raum. Höchste Zeit, es auch bei uns wieder auszupacken! 

 

Gedichte:

„Wanderlust“

„Ich zieh’ so froh die Welt entlang –
Da gehen die Ströme ihren Gang;
Die Berge ragen hoch und blau –
O grünes Thal – o sanfte Au!
O frisches Herz in freier Brust!
O Wanderwonne, Wanderlust!
„Hinaus! hinaus aus deinem Nest!
Das Wandern ist das Allerbest’!“

Wer sich mit schweren Sorgen plagt,
An wessen Herz ein Kummer nagt,
Und wer sich krank und elend glaubt,
Und wem die Seele eingestaubt:
Der nehme seinen Wanderstab
Und geh’ die Welt bergauf, bergab!
„Hinaus! Hinaus aus deinem Nest!
Das Wandern ist das Allerbest’!““

(Heinrich Seidel (1842–1906))

 

„Der frohe Wandersmann“

„Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
Den schickt er in die weite Welt;
Dem will er seine Wunder weisen
In Berg und Wald und Strom und Feld.

Die Trägen, die zu Hause liegen,
Erquicket nicht das Morgenrot,
Sie wissen nur von Kinderwiegen,
Von Sorgen, Last und Not um Brot.

Die Bächlein von den Bergen springen,
die Lerchen schwirren hoch vor Lust,
Was sollt’ ich nicht mit ihnen singen
Aus voller Kehl’ und frischer Brust?

Den lieben Gott nur laß ich walten;
Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld
Und Erd’ und Himmel will erhalten,
Hat auch mein Sach’ aufs best bestellt!“

(Joseph von Eichendorff (1788–1857))

 

„Ausfahrt“

„Berggipfel erglühen,
Waldwipfel erblühen,
vom Lenzhauch geschwellt;
Zugvogel mit Singen
erhebt seine Schwingen,
ich fahr’ in die Welt.

Mir ist zum Geleite
in lichtgoldnem Kleide
Frau Sonne bestellt;
sie wirft meinen Schatten
auf blumige Matten,
ich fahr’ in die Welt.

Mein Hutschmuck, die Rose,
mein Lager im Moose,
der Himmel mein Zelt!
Mag lauern und trauern,
wer will hinter Mauern,
ich fahr’ in die Welt!“

(Joseph Victor von Scheffel (1826–1886), Gedicht aus „Im deutschen Dichterhain – Gedichte für die Kölner Schulen“, Seite 106, Herausgegeben im Auftrage der Schul-Verwaltung der Stadt Köln, Schriftleitung Heinrich Tebrügge, 1923)

 

„Im Juni“

„Lieblich sind die Juninächte,
wenn des Abendrots Verglimmen
und des Morgens frühe Lichter
dämmernd ineinander schwimmen;

wenn der Lenz in roten Rosen
rasch verblutet, und die kleinen
Nachtigallen um den Toten
ihre letzten Lieder weinen;

wenn im Kelch der Lindenblüte
unterm Blätterbaldachine
schläft, gewiegt von lauen Lüften,
die verirrte müde Biene.

Träumerisch im Nest der Schwalbe
Zirpt die Brut und zwitschert leise
von dem großen blauen Himmel
und der großen Südlandsreise.

Und im Weizen schlägt die Wachtel,
jedem Pflüger liebe Laute,
liebe Laute all den Körnern,
die er fromm der Flur vertraute.

Durch die frisch entsproßnen Ähren
haucht ein Säuseln und ein Singen,
als ob holde Himmelsgeister
segnend durch die Saaten gingen.“

(Friedrich Wilhelm Weber (1813–1894), Gedicht aus „Im deutschen Dichterhain – Gedichte für die Kölner Schulen“, Seite 113, Herausgegeben im Auftrage der Schul-Verwaltung der Stadt Köln, Schriftleitung Heinrich Tebrügge, 1923)

 

Also, auf, auf, Ihr lieben Wandersleut’, der Sommer ist nicht ewig! Drum schnürt den Rucksack und die Schuh’, und lauft den Berg hinauf!

Viele liebe Grüße

Brigitte

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