Brief Nr. 1 2026

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Deutschland, 10. Juni 2026          Brief Nr. 1  2026

Spaziergänge zwischen Poesie und Philosophie

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„Denn wo keine Sprache mehr ist, da ist auch kein Volck“

Fundstück: Brief vom 25. December 1807 von Catharina Elisabeth Goethe

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Liebe Leser!

Ich möchte heute einen Brief von Goethes Mutter an ihre Schwiegertochter Christiane vorstellen. Der Aussage von Goethes Mutter in ihrem Brief kann ich mich nur anschließen. Es wäre zu schade, wenn all die geistigen und kulturellen Errungenschaften, die unsere Nation hervorgebracht hat, nur noch im Schulunterricht ausgegraben würden, um zukünftigen Schülern Deutsch als tote Sprache einzubläuen.

Brief von Goethes Mutter an ihre Schwiegertochter Christiane:

  „[Frankfurt] den 25ten December, als am heiligen Christtag [1807] 

Liebe Tochter! 

Es überschickt Demoiselle Meline Brentano inliegendes Käppgen nebst vielen herzlichen Empfehlungen. Betina ist noch nicht hir sondern in Kassel – Das Christkindlein werdet Ihr wohl empfangen haben auch den Confect? Auf Order der neuen Einrichtung der Postwägen kann man die Sachen nicht mehr ganz Franckirt nach Weimar schicken, sondern nur biß Hersfeld – dieses nur zur Nachricht damit Ihr nicht etwan dencken möget die Mutter wäre so munnsterhaft und ließe vor ihre kleine Geschencke das Porto bezahlen. Am kürtzen Tag habe ich wieder zwey Russen zur Einquartirung gehabt – liebe – gute Leute.

Auf die Feyertage sind die neuen Wercke meines Sohnes alle aus geliehen – die guten Freunde glauben (und zwar mit recht) daß sie sich die 3 Feyertage nicht beßer unterhalten könten – Seine Eugenie das ist ein Meister-Stück – aber die Großmutter hat auf neue die Lateinischen Lettern und den kleinen Druck zu Adrachmelech gewünscht, Er laße ja nichts mehr so in die Welt ausgehn – halte fest an deuschem Sinn – deuschen Buchstaben den wenn das Ding so fortgeht; so wird in 50 Jahren kein Deusch mehr weder geredet, noch geschrieben – und du und Schiller Ihr seid hernach Classische Schrieftsteller – wie Horaz – Livius – Ovid und wie sie alle heißen, denn wo keine Sprache mehr ist, da ist auch kein Volck – was werden alsdann die Profesoren Euch zergliedern – auslegen – und der Jugend einpleuen – darum so lang es geht – deusch, deusch geredet – geschrieben und gedruckt. 

Jetzt Liebe Tochter! Leben Sie wohl! Die Kappe muß auf den Postwagen. Grüßen Sie Ihren Lieben Mann, und sagen Augst auch die Großmutter freue sich aufs Wiedersehn nur viel Wein kriegt Er nicht – damit kein Böserhals mich ängstigt. Behaltet Lieb

Eure treue Mutter und Großmutter Goethe.“


(Aus dem Brief von Catharina Elisabeth Goethe an ihre Schwiegertochter vom 25. Dezember 1807, gefunden in „Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten“, Seite 93, Hrsg. Evers/Walz/Kühne, Verlag B. G. Teubner 1907)

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Daher möchte ich in meinen Briefen festhalten, was ich bei meinen Lese-Spaziergängen in den Werken unserer deutschen Denker und Dichter, unserer Märchenerzähler, Minnesänger und Komponisten finde. Es sind Werke, die unsere Kulturnation begründet und über Jahrhunderte bereichert haben und uns als Volk geformt haben. Sie zeigen uns, woher wir kommen, welche Mühen und Erkenntnisse in unserer gemeinsamen Vergangenheit liegen. Und sie sind das Potenzial unserer Zukunft. Ohne gemeinsame Sprache kein Wissen, kein Miteinander, kein Zusammenhalt.

Seid also herzlich eingeladen mit mir durch diesen reichen Wald an Werken zu schlendern, um verlorene Schätze auszugraben. Es liegt viel verschüttet, was schon einmal entdeckt, durchdacht, gewußt wurde. Es soll als Anregung dienen, sich selbst auf den Weg zu machen Texte zu lesen und die deutsche Sprache zu vertiefen. Die Freude an einem schönen Gedicht, die Ergötzung an gut durchdachten Gedanken, dies alles können uns unsere Dichter und Denker vermitteln. Wir müssen uns nur wieder auf sie einlassen und uns durch ihre Worte bezaubern und verwundern lassen. Ich freue mich auf viele Entdeckungen!

Viele liebe Grüße

Brigitte

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