__________________________________________________
Deutschland, 14.10.2026 Brief Nr. 10 2026
Spaziergänge zwischen Poesie und Philosophie
________________________________________________________________________________________________________________
„Der schönste Ort auf der Welt“
Fundstücke: „Preis des Vaterlandes“ (Walther von der Vogelweide)/ „Wie kann das sein“ (Rudolf Presber)/
„Kein schöner Land in dieser Zeit“ (Anton Wilhelm von Zuccalmaglio)
_________________________________________________________________________________________________________________________
Liebe Leser!
„In der ganzen Welt gibt es drei Erdteile: Afrika, Asien und Europa; der schönste ist Europa, das Schönste in Europa Italien, das Schönste in Italien die Lombardei, das Schönste in der Lombardei der Gardasee, das Schönste am Gardasee San Vigilio: ergo ist San Vigilio das Schönste auf der ganzen Welt.“ So schildert im Jahr 1553 Agostino Brenzone in einem Brief an seinen Nachbarn die Schönheit seines neuen Landsitzes, die Villa Brenzone in San Vigilio am Gardasee, und führt im Stile der rhetorischen Beweisführung aus, dass der schönste Ort auf der Welt für ihn in seinem Heimatland Italien liegt, wo er einen Platz für sich gefunden hat.
Von jeher waren die Menschen dort am glücklichsten, wo sie hineingeboren wurden, wo sie aufwuchsen und heimisch wurden. Die Kultur des Heimatlandes, die über Jahrhunderte gewachsen und gepflegt wurde, die Traditionen, die wir aufgenommen haben und weitertragen, die wir gemeinsam leben, erzeugen dieses Gefühl des „daheim sein“, des „sich zuhause fühlen“. Die Spuren unserer Vorfahren, die wir überall vorfinden, und auch die Landschaft, die in jeder Region der Welt eine andere ist, gibt jedem Land ein eigenes Aussehen und eine eigene Schönheit, deren Bilder wir in unserem Herzen tragen.
Es gibt ein Recht auf die eigene Heimat und ein Recht auf die eigene Kultur. Die Heimat als geographischer Ort auf der Erde, aber auch als Platz im Herzen der Menschen. Wird man aus der geographischen Heimat gerissen, bleibt eine immerwährende Sehnsucht im Herzen. Aber die Heimat geht auch verloren, wenn die Kultur, die Muttersprache und die typischen Landschaften einer Nation zerstört werden, abhanden kommen und Traditionen nicht mehr gelebt und nicht weitergegeben werden.
Die Liebe zur eigenen Heimat, die jeder Mensch für sein Land im Herzen trägt, findet sich überall auf der Welt. Die Dichter aller Kulturen haben dies immer wieder zum Ausdruck gebracht. So sehr wir ein anderes Land schätzen und auf Reisen gerne Einblicke in andere Traditionen und Lebensweisen bekommen, so sehr freuen wir uns auch wieder auf das Heimkommen. Und so hat jeder schönste Ort auf der Welt auch sein ganz eigenes schönstes Lied. Das Lied des sehnsuchtsvollen Herzens, das für die Heimat schlägt und von den Straßen träumt, die nach Hause führen.
Vielleicht ist es an der Zeit, das Zeitalter der Heimatlosigkeit und des Slogans „no borders, no nations“ zu beenden und sich wieder auf den Heimweg zu machen. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir in unseren Herzen wieder einen Platz einräumen für unsere wunderschöne Heimat, die wir lieben und deren Zukunft uns am Herzen liegt.
„Preis des Vaterlandes“
[…]
„Ich habe viele Länder gesehen
Und gern die Edelsten kennengelernt.
Unheil müßte mir geschehen,
wenn ich je mein Herz dazu bringen könnte,
dass ihm wohl gefiele
fremde Sitte.
Und was hülfe es mir auch, wenn ich Falsches behauptete?
Deutsche Sitte übertrifft in allem.
Von der Elbe bis an den Rhein
und wieder hierher zurück bis an Ungarns Grenze
mögen wohl die Edelsten sein,
die ich in der Welt kennengelernt habe.
Verstehe ich mich auf Schönheit
und vollendetes Benehmen, so wahr mir Gott helfe
ich wollte wohl schwören, dass hierzulande die Frauen
edler sind als anderswo die fürstlichen Damen.
Deutsche Männer besitzen ritterliche Erziehung,
wie Engel sind die Frauen.
Wer sie schmäht, der ist verblendet;
nicht anders kann ich ihn verstehen.
Edler Sinn und reine Liebe
wer die sucht,
der komme in unser Land, da ist viel Freude!
Lange möge ich darin leben!“
[…]
Im Original:
„Ich hân lande vil gesehen“
[…]
„Ich hân lande vil gesehen
unde nam der besten gerne war:
übel müeze mir geschehen,
kunde ich ie mîn herze bringen dar
daz im wol gevallen
wolde fremeder site.
nû waz hulfe mich, ob ich unrehte strite?
tiuschiu zuht gât vor in allen.
Von der Elbe unz an den Rîn
und her wider unz an Ungerlant
mugen wol die besten sîn,
die ich in der werlte hân erkant.
kan ich rehte schouwen
guot gelâz unt lîp,
sem mir got, so swüere ich wol daz hie diu wîp
bezzer sint danne ander frouwen.
Tiusche man sint wol gezogen,
rehte als engel sint diu wîp getân.
swer si schildet, derst betrogen:
ich enkan sîn anders niht verstân.
tugent und reine minne,
swer die suochen wil,
der sol komen in unser lant: da ist wünne vil!
lange müeze ich leben dar inne!“
[…]
(Walther von der Vogelweide (1170–1230), mittelhochdeutscher Dichter der Staufischen Klassik, 3., 4. und 5. Strophe des Gedichtes „Ir sult sprechen wilekommen“)
Gedicht:
„Wie kann das sein“
„Sie sagen: die Welt ist mein Vaterland –
Wie kann das sein?
Da ich nur eine Sprache verstand,
Die Sprache vom Rhein;
In Freud’, in Weh, in Liebe und Zorn
Nur den einen Klang,
Der mir aus Mutters Liederborn
Die Wiege umsang.
Sie sagen: mein Bruder wohnt überall –
Wie kann das sein?
Kennt er vom Taunus die Nachtigall
Und den Frühling am Rhein?
Hat ihm ein fränkisches Mädchen gewebt
Den ersten Kranz?
Nur wer meine Jugend mit mir gelebt,
Versteht mich ganz.
Sie sagen: die Fremde gewöhnt sich bald –
Wie kann das sein?
Kennt sie das Rauschen vom Westerwald
Und das Singen vom Rhein?
Hält sie, als willige Dienerin,
Aus grünen Well’n
Den Spiegel ehrwürdigen Domen hin
Zu Mainz und Köln?
Sie sagen: das Glück liegt weit, so weit –
Wie kann das sein?
Mir wob es die Blütenherrlichkeit
Um die Reben vom Rhein.
Und wirft in die Welt mich ein feindlicher Wind –
Ich bleib, der ich war:
Es weint im Herzen das deutsche Kind
Unter weißem Haar.“
(Rudolf Presber (1868–1935), aus „Das Deutschland-Buch – 296 Bilder in Kupfertiefdruck“, aus der Einführung, Paul Franke Verlag Berlin, 1930)
Lied:
„Kein schöner Land“
„Kein schöner Land in dieser Zeit,
als hier das unsre weit und breit,
|: wo wir uns finden,
wohl unter Linden,
zur Abendzeit! :|
Da haben wir so manche Stund’
gesessen wohl in froher Rund’
|: und taten singen,
die Lieder klingen
im Eichengrund :|
Dass wir uns hier in diesem Tal
noch treffen so viel hundertmal,
|: Gott mag es schenken,
Gott mag es lenken,
er hat die Gnad’ :|
Nun, Brüder, eine gute Nacht,
der Herr im hohen Himmel wacht!
|: In seiner Güten
uns zu behüten
ist er bedacht :|“
(Anton Wilhelm von Zuccalmaglio (1803–1869), deutscher Schriftsteller und Volksliedforscher, schrieb das Lied 1840, auch als „Abendlied“ bezeichnet; später aufgegriffen von der Wandervogelbewegung, die eine fünfte Strophe anfügte: „Ihr Brüder wisst, was uns vereint, ein andre Sonne hell uns scheint, in ihr wir leben, zu ihr wir streben als die Gemeind’!“)
Herzliche Grüße
Brigitte
_________________________________________________________________________________________________________________________
Aktueller Brief als PDF zum Herunterladen
Schaut auch auf meinem Telegram-Kanal vorbei:
https://t.me/zwischenpoesieundphilosophie
