__________________________________________________
Deutschland, 22. Juli 2026          Brief Nr. 4  2026

Spaziergänge zwischen Poesie und Philosophie

________________________________________________________________________________________________________________

„Die wundersame Welt“

Fundstück: „Die wundersame Welt des Peter Schlemihl“ (Auszüge daraus)
von Adelbert von Chamisso 

Wortbetrachtungen: „tändeln“ / „minder“ / „zeuch hin“ / „philosophische Spekulation“ / „Siebenmeilenstiefel“

 

_________________________________________________________________________________________________________________________

Liebe Leser!

Die wundersame Welt, das ist die Welt der Märchen, mit Schlössern und Königshäusern, Prinzen und Bettlern, Feen, Hexen, Zauberern und Tieren, die sprechen können. Ein Märchen verzaubert die Welt, in der wir leben. 

Heute möchte ich das Kunstmärchen „Die wundersame Welt des Peter Schlemihl“ in Textauszügen vorstellen. Adelbert von Chamisso hat es im Jahr 1813 in Kunersdorf geschrieben, wo er sich während der Freiheitskriege aufhielt, da er wegen der Kämpfe sein Studium der Medizin und Botanik in Berlin unterbrechen musste. Die fiktive Hauptfigur des Märchens ist Peter Schlemihl, der als alter Bekannter und Freund Chamissos vorgestellt wird, der ihm die Geschichte seines Lebens schriftlich zugesandt hat. So ist Peter Schlemihl der Ich-Erzähler des Märchens. 

Chamisso entführt uns in seinem Märchen in eine Welt voller Geheimnisse, es ist eine Erzählung vom verlorenen Schatten, von Siebenmeilenstiefeln und einem rastlosen Leben. Von Beuteln voll Gold, die sich immer wieder auffüllen, von Teppichen, die in Hosentaschen passen, und von Begegnungen und Geschäften mit einem Mann im grauen Rock, dem rätselhaften Unbekannten, der der Hauptperson Peter Schlemihl immer wieder über den Weg läuft. 

Im Folgenden findet Ihr Zitate aus dem Märchen. Da ich beim Lesen nicht nur von wundersamen Begebenheiten erfahren habe, sondern auch immer wieder auf seltene Wörter aufmerksam geworden bin, die uns nicht mehr so geläufig sind, werde ich zu den Zitaten ein paar Wortbetrachtungen anfügen - manche etwas länger, andere nur knapp. Vielleicht ist eins der Wörter doch zu schön oder treffend, um es ganz aus unserem Wortschatz zu verlieren.

_________________________________________________________________________________________________________________________ 

 

Auszüge aus „Die wundersame Welt des Peter Schlemihl“

Die folgenden Zitate sind aus „Peter Schlemihl“ in „Chamissos Werke, Erster Band“, 
Verlagsbuchhandlung Eduard Lolls Nachfolger, Elberfeld.

Aus Kapitel I.: 

„…und ich [Peter Schlemihl] hatte die Ehre, in den Park gerufen zu werden, wo Herr John mit einer kleinen Gesellschaft sich erging. […] Ich schlich hinterher, ohne jemandem beschwerlich zu fallen, denn keine Seele bekümmerte sich weiter um mich. Die Gesellschaft war sehr aufgeräumt, es ward getändelt und gescherzt, man sprach zuweilen von leichtsinnigen Dingen wichtig, von wichtigen öfters leichtsinnig, und gemächlich erging besonders der Witz über abwesende Freunde und deren Verhältnisse.“

[…] 

„Man hätte sich gern auf den Rasen, am Abhange des Hügels, der ausgespannten Landschaft gegenüber gelagert, hätte man die Feuchtigkeit der Erde nicht gescheut. Es wäre göttlich, meinte wer aus der Gesellschaft, wenn man türkische Teppiche hätte, sie hier auszubreiten. Der Wunsch war nicht sobald ausgesprochen, als schon der Mann im grauen Rock die Hand in der Tasche hatte und mit bescheidener, ja demütiger Gebärde einen reichen, golddurchwirkten türkischen Teppich daraus zu ziehen bemüht war. Bediente nahmen ihn in Empfang, als müsse es so sein, und entfalteten ihn am begehrten Orte. Die Gesellschaft nahm ohne Umstände Platz darauf; ich wiederum sah betroffen den Mann, die Tasche, den Teppich an, der über zwanzig Schritte in der Länge und zehn in der Breite maß, und rieb mir die Augen, nicht wissend, was ich dazu denken sollte, besonders, da niemand etwas Merkwürdiges darin fand.

Ich hätte gern Aufschluß über den Mann gehabt und gefragt, wer er sei, nur wußt’ ich nicht, an wen ich mich richten sollte, denn ich fürchtete mich fast noch mehr vor den Herren Bedienten, als vor den bedienten Herren. Ich faßte endlich ein Herz und trat an einen jungen Mann heran, der mir von minderem Ansehen schien als die andern, und der öfter allein gestanden hatte. Ich bat ihn leise, mir zu sagen, wer der gefällige Mann sei dort im grauen Kleide. ,Dieser, der wie ein Ende Zwirn aussieht, der einem Schneider aus der Nadel entlaufen ist?‘ Ja, der allein steht. ,Den kenn’ ich nicht‘, gab er mir zur Antwort, und, wie es schien, eine längere Unterhaltung mit mir zu vermeiden, wandt’ er sich weg und sprach von gleichgültigen Dingen mit einem andern.“

(Adelbert von Chamisso (1781–1838))

Wortbetrachtungen:

tändeln, Verb, steht für „sich oberflächlich oder spielerisch mit Etwas, meist Unnützem, die Zeit vertreiben“ („er tändelte in der Garage umher, statt das Auto zu reparieren“) und für „flirten, schäkern“ („Adelige tändelten mit den schönen Töchtern der Bürgersleute“). 

Getändel, das, Substantiv, auch Tändelei, die, Substantiv, steht für „Tändeln, Spielerei, Geschäker, Geplänkel, Oberflächliches“.

minder, Adjektiv, meist als Adverb eingesetzt, von mhd. (mittelhochdeutsch) minner, in der Bedeutung „im Wert ziemlich gering, im Rang ziemlich tief, weniger, geringer, kleiner, nicht so sehr“.

 

Aus Kapitel II.: 

„Ich [Peter Schlemihl] kam endlich wieder zu Sinnen und eilte, diesen Ort zu verlassen, wo ich hoffentlich nichts mehr zu thun hatte. Ich füllte erst meine Taschen mit Gold, dann band ich mir die Schnüre des Beutels um den Hals fest und verbarg ihn selbst auf meiner Brust. Ich kam unbeachtet aus dem Park, erreichte die Landstraße und nahm meinen Weg nach der Stadt. Wie ich in Gedanken dem Thore zuging, hört’ ich hinter mir schreien: ,Junger Herr! he! junger Herr! hören Sie doch!‘ Ich sah mich um; ein altes Weib rief mir nach: ,Sehe sich der Herr doch vor, Sie haben Ihren Schatten verloren.‘ ,Danke Mütterchen!‘ Ich warf ihr ein Goldstück für den wohlgemeinten Rat hin und trat unter die Bäume. Am Thore mußt ich gleich wieder von der Schildwacht hören: ,Wo hat der Herr seinen Schatten?‘ Und gleich wieder darauf von ein paar Frauen: ,Jesus Maria! der arme Mensch hat keinen Schatten!‘ Das fing an mich zu verdrießen und ich vermied sehr sorgfältig, in die Sonne zu treten.“

(Adelbert von Chamisso (1781–1838))

 

Aus Kapitel IV.:

„Ach, Du bist so gut, so unaussprechlich gut; aber mißdeute mich nicht. Du sollst mir nichts opfern, nichts opfern wollen; o Gott! Ich könnte mich hassen, wenn Du das thätest. Nein! Du hast mich unendlich glücklich gemacht, Du hast mich Dich lieben gelehrt. Zeuch hin! Weiß doch mein Schicksal, Graf Peter [Peter Schlemihl] gehört nicht mir, gehört der Welt an.“

(Adelbert von Chamisso (1781–1838), Zitat aus dem Abschiedsbrief von Mina an Peter Schlemihl in Kapitel IV.)

Wortbetrachtung:

zeuch, zeuchst, zeucht, sind veraltete Formen von „zieh(e), ziehst, zieht“ des Verbes „ziehen“; verwendet z. B. in „o lieber Wirt, verzeuch ein Weil“ mit der Bedeutung, „der Wirt solle sich eine Weile verziehen“, damit die Gäste noch bleiben können, oder verwendet z. B. in „zeuch hin“ für „ziehe dahin“, „ziehe weiter“.

 

Aus Kapitel VIII.:

„Du weißt, mein Freund, daß ich deutlich erkannt habe, seitdem ich den Philosophen durch die Schule gelaufen, daß ich zur philosophischen Spekulation keineswegs berufen bin, und daß ich mir dieses Feld völlig abgesprochen habe; ich habe seither vieles auf sich beruhen lassen, vieles zu wissen und zu begreifen Verzicht geleistet und bin, wie Du es mir selber geraten, meinem geraden Sinn vertrauend, der Stimme in mir, so viel es in meiner Macht gewesen, auf dem eigenen Wege gefolgt.“

(Adelbert von Chamisso (1781–1838))

Wortbetrachtung:

Philosophische Spekulation oder auch nur Spekulation wird eine philosophische Denkrichtung bezeichnet, bei der man über die reine Beobachtung der Dinge hinausgeht und dabei deren Wesen und Prinzipien auf den Grund geht, also über das Dahinterstehende - über diese Welt hinausreichende - spekuliert und Annahmen macht. 
Das Fremdwörterbuch des DUDEN (13. Auflage, Dudenverlag Berlin 2023) erklärt „(In der Philosophie) hypothetischer, über die erfahrbare Wirklichkeit hinausgehender Gedankengang“ und das Bertelsmann Volkslexikon (C. Bertelsmann Verlag Gütersloh 1956)schreibt „in der Philosophie Methode metaphysischer Erkenntnisgewinnung auf Grund intellektueller Anschauung“.

Im Alltag wurde dann mit Spekulation gerne eine Denkweise bezeichnet, die rein spekulativ, also ohne konkrete Gründe und Erfahrungen, irgendetwas mutmaßt, herbeiphantasiert. 

 

Aus Kapitel IX.: 

„Zwei Chinesen an der asiatischen Gesichtsbildung unverkennbar, wenn ich auch ihrer Kleidung keinen Glauben beimessen wollte, redeten mich mit landesüblichen Begrüßungen in ihrer Sprache an; ich stand auf und trat zwei Schritte zurück. Ich sah sie nicht mehr, die Landschaft war ganz verändert, Bäume, Wälder statt der Reisfelder. Ich betrachtete diese Bäume und die Kräuter, die um mich blühten; die ich kannte, waren südöstlich asiatische Gewächse; ich wollte auf den einen Baum zugehen, ein Schritt – und wiederum alles verändert. Ich trat nun an, wie ein Rekrut, der geübt wird, und schritt langsam, gesetzt einher. Wunderbar veränderliche Länder, Fluren, Auen, Gebirge, Steppen, Sandwüsten entrollen sich vor meinem staunenden Blick; es war kein Zweifel, ich hatte Siebenmeilenstiefel an den Füßen.“

(Adelbert von Chamisso (1781–1838))

Wortbetrachtungen:

Siebenmeilenstiefel, die, Substantiv, in der Mehrzahl verwendet, bezeichnet wundersame Stiefel, die es ihrem Träger ermöglichen, große Entfernungen in kurzer Zeit zurückzulegen. Die deutsche Übersetzung kommt aus dem französischen Märchen „Der kleine Däumling“ von Charles Perrault und die Stiefel heißen dort „bottes de sept lieues“. Auch wenn die Bezeichnung „Siebenmeilen“ in den Siebenmeilenstiefeln wohl eher eine Umschreibung für „eine große Strecke“ ist: 1 Meile(englische Meile) beträgt etwa 1,6 km (1609,3 m), 7 Meilen betragen also rund 11,2 km. Betrachtet man dagegen die deutsche Meile, die es bis zur Umstellung ins metrische System gab, also bis ca. 1872, dann würde man noch schneller vorankommen: 1 (deutsche) Landmeile entsprach rund 7,5 km, 7 Meilen also 52,5 km. Der Erdumfang entlang des Äquators wird mit rund 40 075 km angegeben. Wie viele Schritte sind es einmal um die Welt mithilfe von Siebenmeilenstiefeln?

Meile, die, Substantiv, ist eine Längenmaßeinheit, die es bis zur Umstellung ins metrische System in vielen Ländern gab. Das Wort Meile leitet sich ab aus dem lateinischen milia bzw. mille. Im Römischen Reich wurden Entfernungen gemessen in mille passus bzw. milia passuum, was für „tausend Doppelschritte“ stand; lat. passus war die Einheit, die einem Doppelschritt entsprach. Die römische Meile betrug rund 1,5 km, somit sind ca. 2000 Einzelschritte oder 1000 Doppelschritte, in der Schrittlänge der Römer, zu gehen, um 1,5 km zurückzulegen.

 

Vielleicht, liebe Leser, findet Ihr Gefallen an den Auszügen aus „Die wundersame Welt des Peter Schlemihl“und greift für die Urlaubslektüre zu diesem Märchen. Ich bin sicher, Ihr findet beim Lesen des Märchens noch weitere, mittlerweile selten benutzte Wörter und Redewendungen! Viel Spaß dabei!

Herzliche Grüße

Brigitte

 

 

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.