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Deutschland, 02.09.2026 Brief Nr. 7 2026
Spaziergänge zwischen Poesie und Philosophie
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„Einstmals hab ich ein Lied gewußt“
Fundstücke:
Lied/Kanon: „Vom Aufgang der Sonne“ und „Himmel und Erde müssen vergehn“
Gedicht: „Entschwunden“ von Emanuel Geibel
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Liebe Leser!
Einstmals, so wurde mir berichtet, war das Erste, was in der Schule jeden Tag gemacht wurde: zu singen. Die Freundin, die mir dies erzählte, war immer noch ganz begeistert, als sie schilderte, wie gerne sie jeden Tag in die Schule gegangen sei, weil gleich in der Frühe zur Begrüßung alle Schüler zwei bis drei Lieder gemeinsam gesungen hätten. Alle Strophen aus voller Kehle, und die nicht so begabten oder neuen Stimmen hätten sich unauffällig in den frohen Gesamtklang gemischt.
Dieses gemeinsame Singen am Morgen war zu meiner Zeit, über zehn Jahre später, schon abgeschafft worden, ich kann mich nicht an so etwas erinnern. Aber ich erinnere mich voll Freude an die Musikstunde der fünften Klasse. Unsere Musiklehrerin hatte zwei Lieblingskanons, und tatsächlich starteten wir jede Musikstunde mit diesen beiden Liedern:
„Vom Aufgang der Sonne“
„Vom Aufgang der Sonne
bis zu ihrem Niedergang
sei gelobet der Name des Herrn,
sei gelobet der Name des Herrn!“
(Text nach Psalm 113,3, Melodie: Paul Ernst Ruppel (1937))
„Himmel und Erde müssen vergehn“
„Himmel und Erde müssen vergehn,
aber die Musica, aber die Musica,
aber die Musica bleibet bestehn.“
(Melodie und Text: überliefert)
Auf einer im Jahr 2011 in der New York Times veröffentlichten Liste der Top 10 der klassischen Komponisten stehen auf den ersten vier Plätzen Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven, Wolfgang Amadeus Mozart und Franz Schubert. Etwas weiter hinten folgen Johannes Brahms und Richard Wagner. Wäre die Liste länger, es könnten noch viele weitere unserer deutschsprachigen Komponisten darin erscheinen. Ihre Werke und Kompositionen begleiten uns seit langem, und ihre Lieder und Melodien, wie etwa „Erschallet, ihr Lieder“, „Ode an die Freude“, „Komm, lieber Mai, und mache“, „Der Lindenbaum“/„Am Brunnen vor dem Tore“, hallen in uns wider.
Wenn man in Suchmaschinen im Internet das Singen eingibt, erfährt man, dass Singen sehr gesund ist, das Immunsystem stärkt, das Gedächtnis trainiert, die richtige Atmung unterstützt, glücklich macht, das soziale Zusammenleben fördert, Ängste abbaut und und und … Da bleibt nur eins: Ab heute singen wir wieder öfter! Wer wollte nicht, dass unsere Kinder und Schüler glücklich aufwachsen und klug werden.
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Gedicht:
„Entschwunden“
„Einstmals hab’ ich ein Lied gewußt,
Einst, in goldenen Stunden
Sang ich’s, da ich ein Kind noch war;
Aber mir ist’s entschwunden.
Lieblich schwebte die Weise hin,
Weich wie Schwanengefieder;
Ach, wohl such’ ich durch Feld und Wald,
Finde nimmer sie wieder.
Manchmal mein’ ich, es wogt ihr Laut
Über der Flur in den Winden,
Aber er ist verhallt im Nu,
Will ich ihn greifen und binden.
Oft auch, wenn ich bei Nacht entschlief,
Streift urplötzlich und leise
Über mein Herz mit Traumeshand
Die verlorene Weise.
Aber fahr’ ich vom Kissen auf,
Kann ich mich nimmer besinnen;
Nur vom Auge noch fühl’ ich sacht
Brennende Tränen rinnen.
Und doch mein’ ich, fänd’ ich den Klang:
All die heimlichen Schmerzen
Könnt’ ich wieder, wie einst als Kind,
Mir wegsingen vom Herzen.“
(Emanuel Geibel (1815–1884), Dichter)
Herzliche Grüße
Brigitte
