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Deutschland, 19. August 2026          Brief Nr. 6  2026

Spaziergänge zwischen Poesie und Philosophie

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„Das Riesen-Spielzeug“

Fundstück: Gedicht „Das Riesen-Spielzeug“  (Adelbert von Chamisso)

Wortbetrachtungen: „Stätte“ / „wüst“ / „sonder“ / „spreiten“ / „behend“ / 
„behutsam“ _________________________________________________________________________________________________________________________

Liebe Leser!

Der französisch-deutsche Naturforscher und Dichter Adelbert von Chamisso (gesprochen Schah-), eigentlich Louis Charles Adelaide de Chamisso de Boncourt, Sohn einer Adelsfamilie, geboren am 30. Januar 1781 in der Champagne, floh 1790 als Kind mit seiner Familie von Frankreich nach Deutschland, um der französischen Revolution zu entkommen. Von 1789–1806 war er preußischer Offizier, machte dann als Botaniker von 1815–1818 die Entdeckungsreise unter Otto von Kotzebue auf dem russischen Segler „Rurik“ mit. Daraus entstand seine Schrift „Die Reise um die Welt“. Anschließend wurde er in Berlin am botanischen Garten angestellt. Am 21. August 1838 verstarb er in Berlin. 

Wir haben Adelbert von Chamisso schon durch das Kunstmärchen „Die wundersame Welt des Peter Schlemihl“ kennengelernt. Heute möchte ich sein Gedicht „Das Riesen-Spielzeug“ vorstellen. Chamisso greift darin eine Geschichte aus dem Elsaß auf, von der Burg Niedeck bei Oberhaslach, wo der Sage nach einstmals eine Familie von Riesen wohnte:

 

Gedicht:

„Das Riesen-Spielzeug“

„Burg Niedeck ist im Elsaß der Sage wohl bekannt,
Die Höhe, wo vor Zeiten die Burg der Riesen stand;
Sie selbst ist nun verfallen, die Stätte wüst und leer,
Du fragest nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.

Einst kam das Riesen-Fräulein aus jener Burg hervor,
Erging sich sonder Wartung und spielend vor dem Thor
Und stieg hinab den Abhang bis in das Thal hinein,
Neugierig zu erkunden, wie’s unten möchte sein.

Mit wen’gen raschen Schritten durchkreuzte sie den Wald,
Erreichte gegen Haslach das Land der Menschen bald,
Und Städte dort und Dörfer und das bestellte Feld
Erschienen ihren Augen gar eine fremde Welt.

Wie jetzt zu ihren Füßen sie spähend niederschaut,
Bemerkt sie einen Bauer, der seinen Acker baut;
Es kriecht das kleine Wesen einher so sonderbar,
Es glitzert in der Sonne der Pflug so blank und klar.

Ei! artig Spielding! ruft sie, das nehm’ ich mit nach Haus.
Sie knieet nieder, spreitet behend ihr Tüchlein aus,
Und feget mit den Händen, was da sich alles regt,
Zu Haufen in das Tüchlein, das sie zusammen schlägt;

Und eilt mit freud’gen Sprüngen, man weiß, wie Kinder sind,
Zur Burg hinan und suchet den Vater auf geschwind:
Ei Vater, lieber Vater, ein Spielding wunderschön!
So Allerliebstes sah ich noch nie auf unsern Höh’n.

Der Alte saß am Tische und trank den kühlen Wein,
Er schaut sie an behaglich, er fragt das Töchterlein:
Was Zappeliges bringst du in deinem Tuch herbei?
Du hüpfest ja vor Freuden; laß sehen, was es sei.

Sie spreitet aus das Tüchlein und fängt behutsam an,
Den Bauer aufzustellen, den Pflug und das Gespann;
Wie alles auf dem Tische sie zierlich aufgebaut,
So klatscht sie in die Hände und springt und jubelt laut.

Der Alte wird gar ernsthaft und wiegt sein Haupt und spricht:
Was hast du angerichtet? das ist kein Spielzeug nicht!
Wo du es hergenommen, da trag’ es wieder hin,
Der Bauer ist kein Spielzeug, was kommt dir in den Sinn!

Sollst gleich und ohne Murren erfüllen mein Gebot;
Denn, wäre nicht der Bauer, so hättest du kein Brot;
Es sprießt der Stamm der Riesen aus Bauernmark hervor,
Der Bauer ist kein Spielzeug, da sei uns Gott davor!

Burg Niedeck ist im Elsaß der Sage wohlbekannt,
Die Höhe, wo vor Zeiten die Burg der Riesen stand,
Sie selbst ist nun verfallen, die Stätte wüst und leer,
Und fragst du nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.“

(Adelbert von Chamisso (1781–1838), Naturforscher und Dichter französischer Herkunft, Gedicht gefunden in „Chamisso, Gedichte“, S. 125, Verlag der Literaturwerke „Minerva“, Leipzig)

 

Wortbetrachtungen:

Immer wieder fallen Wörter in alten Gedichten auf, die wir nicht mehr so häufig anwenden. Daher habe ich hier ein paar Wörter aus dem Gedicht herausgegriffen und ihre Bedeutung näher angeschaut. 

„Stätte“

Stätte, die, Substantiv, oder auch Statt, die, Substantiv, für „Platz, Ort, Stelle“, insbesondere verwendet in Bezug auf die Bedeutung oder Zweck des Ortes/der Stelle, also „eine geschichtlich bedeutsame Stätte“, „eine heilige Stätte“, oder in Fügungen wie z. B. „an seiner Statt wirst du teilnehmen“ („an seiner Stelle wirst du teilnehmen, anstatt/statt seiner wirst du teilnehmen“), „an Eides Statt“ (rechtlicher Begriff für „eine (eidesstattliche) Versicherung/Erklärung abgeben“), „an Kindes Statt annehmen“ („adoptieren, ein Kind aufnehmen/als Kind annehmen“), nach den neuen Rechtschreibregeln jedoch jetzt geschrieben „an seiner statt“, „an Eides statt“, „an Kindes statt“. 

Die Statt ist mittlerweile veraltet, während die Stätte in der gehobenen Sprache noch üblich ist. Stätte und Statt leiten sich aus mittelhochdeutsch und althochdeutsch stat her mit der Bedeutung „Stehen“.  

Beide Wörter finden sich in Zusammensetzungen, wie z. B. Werkstatt, Schlafstatt, Gaststätte, Wohnstätte, letzte Ruhestätte.
 

„wüst“

wüst, Adjektiv, steht für „widerwärtig, wild, unbeherrscht, unschön, zerstört, unbebaut, verlassen, öde“ und geht auf ahd. wuosti („unbebaut, öde, leer“) zurück.

„sonder“

sonder, Präposition mit Akkusativ, veraltet für „ohne“.

Hergeleitet von ahd. suntar (9. Jh.), mhd. sunder für „auf eine gesonderte Weise, abseits, im einzelnen, für sich, ausschließlich, ausgezeichnet, abgesondert, verschieden, besonders“. Zu dem Verhältniswort sonder („ohne, außer“) bildete sich auch das Adverb sonder mit der Bedeutung „besonders“ und auch das Adjektiv sonder mit der Bedeutung „für sich, abgetrennt, extra“, mittlerweile jedoch von besonders abgelöst (erhalten noch in Zusammensetzungen wie Sonderdruck, Sondermüll, Sonderstellung, Sonderangebot…). Weitere Ableitungen sind Besonderheit, Sonderling, sonderbar, sonderlich, sondergleichen sowie das Verb sondern für „trennen, unterscheiden“ – heute veraltet und verwendet nur noch in den Formen absondern, aussondern.

„sonder Wartung“, wie in der 2. Strophe des obigen Gedichtes, steht somit für „ohne Aufsicht“.

 

„spreiten“

spreiten, Verb, steht für „ausbreiten, entfalten“; dazu Spreite, die, Substantiv, für „Ausgebreitetes; ausgebreitete Lage (von Getreide zum Dreschen); Blatt/Blattspreite (botanisch „die Form des Laubblattes“); Bettspreite („Bettdecke, Tagesdecke“).

 

„behend“

behend, Adjektiv, auch behende, behendig, steht für „flink, schnell; fingerfertig, geschickt“ und wurde ursprünglich als Adverb eingesetzt und abgeleitet aus ahd. bī hende „bei der Hand“. Seit der Rechtschreibreform gilt nur noch die Schreibweise mit „ä“: behänd, behände, behändig. Abgeleitet von behende ist Behendigkeit, die, Substantiv, oder nach der Rechtschreibreform Behändigkeit, die, Substantiv, für „Behendesein, Geschicklichkeit“.

 

„behutsam“

Behutsam ist ein sehr schönes Wort. Vielleicht sollten wir es wieder mehr einsetzen und ab und zu im Alltag statt „vorsichtig“ „behutsam“ verwenden – wenn es gerade passt:

behutsam, Adjektiv, steht für „vorsichtig, bedächtig, umsichtig“ und ist abgeleitet von hüten, behüten, Verb, für „aufpassen, beschützen, bewachen“ oder Hut, die, Substantiv, für „Schutz, Obhut, schützende Aufsicht“, was wiederum abgeleitet ist von dem westgermanischen Substantiv *hōda- („Obhut, Schutz, Bedeckung“) und von mhd. huote („Bewachung, Behütung, Obhut, Fürsorge, Wache, Wächter“). Die Redewendung „auf der Hut sein“ für „aufpassen, Wache halten, sich schützen“ ist noch bekannt, während „die Hut“ als Wort kaum mehr verwendet wird.

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Das Riesen-Fräulein hat ihr Spielzeug wieder hergegeben. Überall fahren gerade Traktoren bei der Ernte auf den Feldern. Jetzt im Sommer und Spätsommer sieht man, wie sich die Felder verändern von sattem Grün zu abgeernteten, strohgelben Stoppelfeldern. Wie wichtig der Beruf des Bauern, des Landwirtes, ist, und wie wichtig die Bewirtschaftung der Felder ist, zeigen auch die alten Monatsnamen Brachmonat (Juni), Heumonat (Juli), Erntemonat (August) und Weinmonat (Oktober). 

Viele liebe Grüße
Brigitte

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