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Deutschland, 16.09.2026          Brief Nr. 8  2026

Spaziergänge zwischen Poesie und Philosophie

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„Fundstück in der Klosterbibliothek“

Fundstücke:

Geschichtswerk: „Annalen“ von Publius Cornelius Tacitus 
und
Humoristisches Studentenlied „Als die Römer frech geworden“ (1849) von 
Joseph Victor von Scheffel

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Liebe Leser!

Wer heute durch die Fürstliche Bibliothek in der ehemaligen Benediktinerabtei Corvey bei Höxter an der Weser geführt wird, und ein Buchbegeisterter ist, dem zucken die Finger nach der Lesebrille. Aber welches Buch zuerst ansehen? Die Auswahl ist viel zu groß, man ist überfordert. 74 000 Bücherbände, die im 19. Jahrhundert gesammelt wurden, sind auf mehrere Räume mit unzähligen Bücherregalen verteilt.

Das heutige Fundstück allerdings hat mit der Vorgängerbibliothek, der ursprünglichen Klosterbibliothek der Benediktinerabtei Corvey, zu tun, die 1803 bei ihrer Auflösung noch 6000 Bände umfasste. 815/816 von den Karolingern gegründet, erlangte das reichsunmittelbare Kloster eine unglaubliche Blüte und wurde zu einem bedeutenden Wissenszentrum. Das Kloster baute eine große Bibliothek auf, mit eigenem Skriptorium, aber auch eigenen Schriftstellern. Diese zitierten aus antiken Werken wie Vergil, Livius, Horaz, deren Texte sie in der Bibliothek vorliegen hatten. 

Im 14. Jahrhundert begann in Italien die geistige Strömung des Humanismus, die Italiens Geschichte wiederentdecken und das Wissen der griechischen und römischen Antike wiederbeleben wollte. Reiche Familien wie die Medici traten als Förderer des italienischen Humanismus auf. Da viele alte Pergamente römischer Schriftsteller fehlten, schickten sie ab der Wende zum 16. Jahrhundert Leute aus, die diese Bücher in der Welt zusammensuchen sollten. Bekannte Klosterbibliotheken waren dabei natürlich erste Anlaufstellen. Also klopften im Jahr 1507 Gäste aus Italien an die Klosterpforte in Corvey. Die italienischen Besucher wussten, was und wie sie suchen mussten. Und so verschwanden mit ihnen aus der Bibliothek eine Ledermappe mit Pergamentblättern. 1508 werden diese Giovanni de’ Medici angeboten, der den Wert dieser Blätter sofort erkennt: Es ist das einzige Exemplar der ersten sechs Bücher der Annalen (geschichtliche Jahresbücher, lateinisch annus: Jahr) des Publius Cornelius Tacitus. Als späterer Papst Leo X. sorgt er 1515 für die Drucklegung der Annalen und sendet, sozusagen als Entschädigung für die entwendeten Pergamentblätter, 1517 ein gedrucktes Exemplar an die Klosterbibliothek in Corvey. 

Und nun, im 16. Jahrhundert, interessieren sich plötzlich alle für Tacitus (Lebensdaten circa: 56–117 n. Chr.), für die Annalen, die als Quelle der Schlacht im Teutoburger Wald wiederentdeckt wird. Weitere römische Schriftsteller kommen ins Bewusstsein, wie Velleius Paterculus, Cassius Dio, Sueton und einige mehr, die alle die sogenannte Varus-Schlacht erwähnen. Aus allen diesen Schriften wurde nun versucht, den Hergang der damaligen Schlacht, und wie es dazu kam, nachzuvollziehen. Die Quellenlage ist dünn, aber so ungefähr ist man nun übereingekommen, dass:

       Im Jahr 7 n. Chr. übernahm der römische Senator Publius Quintilius Varus unter Kaiser Augustus die Verwaltung Germaniens. Er war zuvor Statthalter in Syrien gewesen und man sagte von ihm: als er kam, war Syrien reich und Varus arm; als er ging, war Varus reich und Syrien arm. Varus hatte das Ziel, das Land jenseits des Rheins zur römischen Provinz zu machen. Bis dahin waren die Römer zwar im Land anwesend und betrieben Handel mit den germanischen Stämmen, aber nun sollten auch Steuern erhoben werden. Auch die römische Rechtssprechung wurde eingeführt. 
Mit dem Oberbefehl über das in Germanien stehende Heer betraut, hielt Varus die Lage für ruhig und die Bewohner für völlig überwunden. Bei Minden an der Weser, so nimmt man an, hatte er sein festes Sommerlager eingerichtet, das der Mittelpunkt seiner Herrschaft und seines Gerichtssitzes war. Aber genau der Umstand, Steuern zu erheben und die germanischen Stämme unter seine Rechtssprechung zu stellen, wird unter den römischen Geschichtsschreibern später als Grund vermutet, warum es zur Schlacht im Teutoburger Wald kam. Arminius, ein Häuptlingssohn aus dem germanischen Stamm der Cherusker, kehrte ebenfalls 7 n. Chr. zurück in seine Heimat. Als Häuplingssohn war er von den Römern einige Jahre in Rom ausgebildet worden. Er kannte das römischen Militär und die römische Verwaltung. Als Befehlshaber einer cheruskisch-germanischen Hilfstruppeneinheit war er eigentlich den Römern unterstellt. Zurück in seiner Heimat empörte ihn jedoch die Fremdherrschaft der Römer über die germanischen Stämme so sehr, dass er eine Verschwörung plante. Es gelang ihm, die bis dahin eher zerstrittenen, einzelnen germanischen Stämme gegen die Römer zu vereinen.

       Im Spätsommer, vermutlich im September, des Jahres 9 n. Chr. lockten die Germanen dann Varus samt Heer und Gefolge in einen Hinterhalt, vermutlich auf seinem Rückweg vom Sommerlager zurück ins Winterquartier am Rhein. Das Wetter soll extrem schlecht gewesen sein, mit starken Regenfällen und Stürmen. Tacitus ist der einzige, der eine Ortsbezeichnung angibt, den saltus Teutoburgiensis (saltus lateinisch für Wald, Waldgebirge), den Teutoburger Wald, nicht weit vom Gebiet der Brukterer, die wiederum zwischen Lippe und Ems siedelten. In dem unwegsamen Gelände, das den Römern offenbar unbekannt war, griffen die Krieger der Cherusker, Brukterer und Marser unter Führung des Arminius an. Varus wurde in einen Hinterhalt gelockt und die drei Legionen, die Varus begleiteten, niedergeschlagen. Angesichts der ausweglosen Situation stürzte sich Varus in sein Schwert. 
Als Kaiser Augustus die Nachricht über die Niederlage überbracht wird, soll er äußerst verzweifelt gewesen sein. Sueton schreibt: „Man berichtet, er sei schließlich so erschüttert gewesen, dass er monatelang Bart und Haupthaar wachsen ließ und mitunter sein Haupt an die Türen schlug und laut ausrief: Quintilius Varus, gib mir die Legionen zurück!“ („Quintili Vare, legiones redde!“).

Saltus Teutoburgiensis: Bis heute sucht man den genauen Ort der Schlacht. Dass diese in der Nähe des Hermannsdenkmals („Hermann“ ist eine spätere Eindeutschung von „Arminius“) bei Detmold, auf der Grotenburg, stattgefunden habe, wird mittlerweile eher nicht mehr vertreten. Momentan konzentrieren sich die Ausgrabungen auf Kalkriese, ein Ortsteil von Bramsche in der Nähe von Osnabrück. Das Museum dort und die zugehörige Ausgrabungsstätte forschen weiter. 

Wären die Pergamente der Annalen nicht nach Italien verschleppt worden, wären sie vielleicht im 30-jährigen Krieg oder bei der Zerschlagung durch die Säkularisation vernichtet worden, ohne dass je jemand wieder hineingeschaut hätte. Und so haben sich Lateinschüler aller Zeiten weiterhin mit dem Geschichtswerk des Tacitus beschäftigen dürfen. So auch Scheffel, der dann aus der Schlacht im Teutoburger Wald das folgende Studentenlied schrieb:

Lied:

„Die Teutoburger Schlacht“

„1. Als die Römer frech geworden,
Zogen sie nach Deutschlands Norden,
Vorne mit Trompetenschall,
Ritt Herr Gen’ral-Feldmarschall,
Herr Quintilius Varus.

2. Doch im Teutoburger Walde,
Huh! Wie pfiff der Wind so kalte,
Raben flogen durch die Luft,
Und es war ein Moderduft
Wie von Blut und Leichen.

3. Plötzlich aus des Waldes Duster
Brachen kampfhaft die Cherusker,
Mit Gott für Fürst und Vaterland
Stürzten sie sich wutentbrannt
Auf die Legionen.

4. Weh! das ward ein großes Morden,
Sie erschlugen die Kohorten;
Nur die röm’sche Reiterei
Rettete sich noch ins Frei’,
Denn sie war zu Pferde.

5. O Quintili! armer Feldherr!
Dachtest du, daß so die Welt wär’?
Er geriet in einen Sumpf,
Verlor zwei Stiefel und einen Strumpf
Und blieb elend stecken.

6. Da sprach er voll Ärgernussen
Zum Centurio Titiussen:
,Kam’rad, zeuch dein Schwert hervor
Und von hinten mich durchbohr’,
Da doch alles futsch ist.‘

7. In dem armen röm’schen Heere
diente auch als Volontäre
Scaevola, ein Rechtskandidat,
Den man schnöd’ gefangen hat,
Wie die andern alle.

8. Diesem ist es schlimm ergangen,
Eh’ daß man ihn aufgehangen,
Stach man ihm durch Zung’ und Herz,
Nagelte ihn hinterwärts
Auf sein Corpus Iuris.

9. Als die Waldschlacht war zu Ende,
rieb Fürst Hermann sich die Hände,
und um seinen Sieg zu weih’n,
lud er die Cherusker ein
zu ’nem großen Frühstück.

10. Hui, da gab’s westfäl’sche Schinken,
Bier, soviel sie wollten trinken
Selbst im Zechen blieb er Held;
Doch auch seine Frau Thusneld
soff als wie ein Hausknecht.

11. Nur in Rom war man nicht heiter,
Sondern kaufte Trauerkleider;
G’rade als beim Mittagsmahl
Augustus saß im Kaisersaal,
kam die Trauerbotschaft.

12. Erst blieb ihm vor jähem Schrecken
ein Stück Pfau im Halse stecken,
Dann geriet er außer sich
und schrie: ,Varus, Fluch auf dich!
redde legiones!‘

13. Sein deutscher Sklave, Schmidt geheißen,
sim-se-rim-sim-sim-sim-sim,
Dacht’: ,Ihn soll das Mäusle beißen,
sim-se-rim-sim-sim-sim-sim,
Wenn er sie je wiederkriegt,
ta-te-rä-tä-tä-tä,
denn wer einmal tot daliegt
ta-te-rä-tä-tä-tä,
wird nicht mehr lebendig
wau wau wau 
wau wau wau
wird nicht mehr lebendig
schnäde-räng-täng,
schnäde-räng-täng,
schnäde-räng-täng,
deräng-täng-täng.‘“

(Joseph Victor von Scheffel (1826–1886), Gedicht ursprüngliche Fassung – es gibt noch drei weitere Strophen, die später im Zuge des Denkmalbaus zu Detmold angefertigt wurden; Die Einfügungen sim-se-rim-sim-sim-sim-sim etc. (hier wegen der Lesbarkeit nur in der letzten Strophe eingefügt) wurden vom Komponisten ergänzt: Melodie: Ludwig Teichgräber)

Die Zeit der Römer östlich des Rheins war durch die Schlacht im Teutoburger Wald nicht beendet, weitere Truppen folgten. Im Jahr 15 n. Chr. schickt Kaiser Tiberius den römischen Feldherrn Germanicus zu einem Rachefeldzug gegen Arminius und die germanischen Stämme aus. Aber so richtig Fuß gefasst haben die Römer nun nicht mehr östlich des Rheins. Und so gilt Arminius heute als Freiheitskämpfer, der mit seinen germanischen Truppen die Pflöcke am Rhein gegen die römische Weltmacht eingeschlagen hat.

Die Sehnsucht der Menschen, etwas über ihre Herkunft zu erfahren, war zu allen Zeiten da. Viele Länder haben daher einen Gründungsmythos, bei vielen dieser Erzählungen geht es oft auch um Freiheit: Rütlischwur und Wilhelm Tell, Simon Bolívar, Boston Tea Party. Und so ist auch Arminius der Cheruskerfürst in unsere Annalen eingegangen. 

 

Viele herzliche Grüße
Brigitte

P.S. : Kloster Corvey: https://corvey.de

         Hermannsdenkmal: https://www.hermannsdenkmal.de

         Museum Kalkriese: https://www.kalkriese-varusschlacht.de

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