__________________________________________________
Deutschland, 30.09.2026 Brief Nr. 9 2026
Spaziergänge zwischen Poesie und Philosophie
________________________________________________________________________________________________________________
„Wenn der Herbst kommt“
Fundstücke:
Naturbetrachtung: „Wenn der Herbst kommt“ von Hermann Masius
Gedichte: „Herbstbild“ (Friedrich Hebbel) / „Fülle“ (Conrad Ferdinand Meyer)
_________________________________________________________________________________________________________________________
Liebe Leser!
Als ich einmal erzählte, dass ich gerade ein paar alte Schulbücher auf dem Flohmarkt ergattert hätte, wurde ich gefragt, ob es einen Unterschied zu unseren heutigen Büchern gäbe und welche Themen damals behandelt worden seien. Ich schaute nach: Ein wichtiges Thema ist der Jahreskreis, das Leben in der Natur und darin der Wechsel der Jahreszeiten. Mit großer Dankbarkeit wird auf die Schönheit der Natur eingegangen und welche Freude jede einzelne Jahreszeit für uns bereit hält. Durch die Schilderung der Schönheit und Freude wird die Achtung und Bewahrung der Natur nahegelegt.
Dagegen standen bei uns im 8. Schuljahr umweltpolitische Themen im Vordergrund, die Ängste um unsere Natur und ein schlechtes Gewissen vermittelten, wie die Angst vor dem Waldsterben, die Angst vor dem sauren Regen, die Angst vor dem Ozonloch und der sengenden Sonne.
Wie beruhigend ist es, dass dennoch, trotz der vielen Ängste, die wir seit Jahrzehnten haben, beständig Jahr für Jahr die Jahreszeiten und ihr Wechsel ihren Lauf nehmen und uns in ihrer Schönheit und Eigentümlichkeit erfreuen.
Genießen wir die folgende wortschöne Naturbetrachtung aus dem 8. Schuljahr von damals, und den farbenprächtigen Herbst von heute!
„Wenn der Herbst kommt!“
von: Hermann Masius (1818–1893), Deutscher Pädagoge, Text aus: Lesebuch für die Münchener Volksschulen. 8. Schuljahr. Mädchen. Verlag von R. Oldenbourg, München 1912. – Seite 208:
„Der Wechsel der Jahreszeiten gehört ohne Zweifel zu den poetisch-ergreifendsten Erscheinungen der gemäßigten Zone. Was kann schöner sein als ein deutscher Frühling, wenn das neue Licht Quellen und Blumen weckt, wenn es grün um Wald und Felder schimmert und hoch über der halb noch schlummernden Erde das Lied der Lerche frohlockt? Wem schweiften da nicht immer wieder die alten seligen Paradiesesträume ums Herz? Und nicht bloß das wiedererwachende Leben des Frühlings oder das voll entfaltete des Sommers, auch das herbstlich versinkende noch bewegt unser innerstes Empfinden. Der Herbst, in den die Sonne ihren letzten Glanz versprüht und die unsichtbare Hand schon das Ende geschrieben, steht an Duft und Pracht gewiß seinen Vorgängern nach; aber ist er nicht schöner, so ist er ahnungsvoller als sie. Seiner ernstrührenden Symbolik entzieht sich kein Gemüt, und darum gewährt es einen so eigentümlichen Reiz, den Zeichen nachzugehen, in denen sein Kommen sich ankündigt.
Es ist ein leises, stilles. Wir sehen den Herbst meistens erst, wenn er schon dunklere Schatten in das Farbenbild des Jahres geworfen hat. Auf den Feldern wird das Korn gemäht und geschichtet. Zunächst noch einzeln, nur hie und da; aber die Sicherheit des Sommergefühls ist damit hinweg, denn das Reifen der Ähre bedeutet immer ein erstes Welken in der Natur. Das goldene Halmenfeld ist gleichsam der Sommerweiser der Vegetation, an dem man wie mit Augen die Tage und Wochen der Sommerzeit ablaufen sieht. Bald regt sich’s allenthalben geschäftig. Rauschend fallen die Schwaden, Hunderte von Garbenhügeln steigen auf. Schon ist der Feldweg bloßgelegt, der geheime, in dem die Wachtel rief, die großäugige Kamille blühte und die Ähren so vertraut herüber, hinüber nickten. Wenige Tage noch – und kahle Stoppelgebreite dehnen sich aus. Es ist eine erste Herbstmahnung, die ans Herz des Menschen ergeht. Die Natur hat wieder ihr großes Werk getan; nun sinkt sie in sich segensmüde lächelnd und feiernde Stille zieht über die Erde.
Auch droben unter der Himmelshalle wird’s still. Verstummt ist die muntere, gesangsfrohe Vogelwelt. Wohl ist die Lerche noch da, aber sie liegt in der Ackerfurche, gesanglos. Zwischen den Stoppeln spiegelt sich das Rebhuhn am Sonnenschein die bunten Federn, wachsam die Augen nach allen Seiten schickend. Nur der Zug der Stare lärmt und schwärmt über Wiesen und Teiche und die Schwalben „halten Schule“ auf den Dächern hin und her, herauf und hinab, bankweise, reihenweise; aber es gilt auch bei ihnen dem Abzug und seltener wird ihr fröhliches Zwitschern gehört. Haben sie uns erst verlassen, dann ist’s voller Herbst und dann zieht statt des leichten Federspiels nur der Papierdrache durch die Luft, abenteuerlich plump wie irgendein Meermonstrum, eine fabelhafte Herbstmaske. Das tut die Jugend, die noch des Herbstes spotten darf.
Inzwischen grünt im Feld noch immer Pfad und Rain. Da steht noch die Wegwarte; da blüht die rosige, scharfbestachelte Hauhechel, die heilkräftige Dolde der Schafgarbe und des Rainfarn; hin und wieder glimmt noch eine Mohnblume oder ein Rittersporn, indes im Garten Georgine und Malve sonnenfreudig in den Herbst hineinglühen. Wo aus nachwüchsigem Klee ein Blütenkopf blickt, taumelt ein Argus um den Duft; der Siebenpunkt schaukelt sich am Halm und lauter als selbst im Sommer zirpt die Grille. Auch im leeren Kornfeld ist’s nicht leer. Es regt und bewegt sich immer noch manches Tierleben. Der arme Hase sucht ein sicheres Lager; die Feldmaus hüpft umher samt dem Erdfröschchen, dem kein Storch mehr drohet; der Freibeuter Sperling schwirrt von Breite zu Breite. Der Kreatur ist noch überall der volle Tisch gedeckt. Und daß am frischtreibenden Herzblatt der Feldblume auch schon wieder ein welkes hängt und daß in der Nacht wohl ein früher Frost den Schmetterling erhascht – wer mag es denn sehen?
Auch der Sommer hat schon manches gereift an Bäumen und Sträuchern: allein es waren flüchtige Geschenke, die im raschen Zuge genossen sein wollten. Die edlere, dauernde Frucht bringt nur der Herbst. In sie legt er alles, was er an Farbe, Süße und Duft gesammelt. Da ist die goldene Birne, der Apfel mit dem lachenden Amorettengesicht, da lockt die Pflaume, mit zartblauem Hauch bestäubt, und im wärmeren Versteck die würzige Pfirsich. Auf der Weinbergsmauer aber, von zähen Strängen gehalten, lagert der sonnengeschwollene Kürbis; er hütet die Kinder der Rebe. Wer aber wollte sich mühen um diese poetischste aller Früchte zu zeichnen, für die selber das Wort Frucht schon zu fest und zu schwer erscheint! Jede Beere ein Tropfen und Beere an Beere, welch ein köstliches Traubengehänge!
Im Walde gewahrt man am wenigsten vom Herbst. Alles steht noch grün, in der ganzen Sommerfülle, als seien die Bäume in ihrer dunkeln Pracht erstarrt. Unten im Moos, zwischen Eichelnäpfchen und mancher braunen Nuß, blühen Genziane und Glockenblume und talab an sandigen Rinnsalen steigt’s rosenrot und duftig auf. Da schimmert, von Bienen umflogen, die Heide, der bräutliche Rosmarin, und im Gekräut sonnt sich die Eidechse. Und doch weht durch alle die strotzende Fülle ein Hauch von Melancholie uns an. Die Wildnis schläft. Kein munteres Band einer Vogelmelodie schlingt sich durch den Kranz des Laubes; nur der Specht hackt, nur ein Rotkehlchen, eine Meise schrillt; das ist alles. Und schon schwankt am Sommerfaden ein welkes Blatt der Birke.
Sie war die erste, welche den Frühling in den Wald getragen, nun rührt sie auch der Herbst zuerst an. Wie lange – und der ganze Wald brennt in seinen letzten Farben, in einem letzten Abendrot auf!
Immer rascher naht das Ende; die Wahrzeichen des Herbstes sprechen dringender in die Seele. Bald bezieht sich der Himmel und streift tagelang die Schleier nicht ab. Er gleicht „einem feuchten Auge, dem mit jedem Blick eine Träne entfallen kann“. Rührt ein Hauch die Luft, so schwankt Blatt um Blatt vom Baume; bricht ein Sonnenstrahl durch die Trübe, so deckt er nur neuen Vergang auf. Über Wald und Flur stehen leise Nebel und mit ihnen entbindet sich jener feuchtdumpfe, unverkennbare Herbstgeruch, der die Auflösung des Naturlebens begleitet. Alles geht zur Neige oder rüstet zum Schlaf. Schwalbe und Lerche sind fort, die Herden verlassen die Weide; was noch übrig war von Früchten des Feldes wird eiliger geborgen. Und nun bleibt nichts von allem als ein stummes Memento mori – als die dürre Ranke, die schwermütig im Winde wiegt, und der entblätterte, schauernde Wald.“
(Hermann Masius (1818–1893), Deutscher Pädagoge, Text gekürzt)
_________________________________________________________________________________________________________________________
Gedichte:
„Herbstbild“
„Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält;
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.“
(Friedrich Hebbel (1813–1863), Deutscher Dichter und Dramatiker)
„Fülle“
„Genug ist nicht genug! Gepriesen werde
Der Herbst! Kein Ast, der seiner Frucht entbehrte!
Tief beugt sich mancher allzureich beschwerte,
Der Apfel fällt mit dumpfem Laut zur Erde.
Genug ist nicht genug! Es lacht im Laube!
Die saft’ge Pfirsich winkt dem durst’gen Munde!
Die trunknen Wespen summen in die Runde:
,Genug ist nicht genug!‘ um eine Traube.
Genug ist nicht genug! Mit vollen Zügen
Schlürft Dichtergeist am Borne des Genusses,
Das Herz, auch es bedarf des Überflusses,
Genug kann nie und nimmermehr genügen!“
(Conrad Ferdinand Meyer (1825–1898), Schweizer Dichter)
Viele liebe Grüße
Brigitte
_________________________________________________________________________________________________________________________
Schaut auch auf meinem Telegram-Kanal vorbei:
https://t.me/zwischenpoesieundphilosophie
