__________________________________________________
Deutschland, 08. Juli 2026 Brief Nr. 3 2026
Spaziergänge zwischen Poesie und Philosophie
________________________________________________________________________________________________________________
SOMMERBILDER
Fundstücke:
Gedichte: „Der Weiher“ / „Mittagsstille“/ „Kornrauschen“ /
„Die Mittagssonne brütet“
_________________________________________________________________________________________________________________________
Liebe Leser!
Sommer
Silbrige Weiden an smaragdgrünen Seen
Wogendes Schilf, Totholz auf Kies
Kieselsteine, Muscheln suchen
Kräuter trocknen, Beeren sammeln
Fische springen, Enten quaken
Kinder lachen, Schwimmer paddeln
Sommer – Es ist Sommer!
Ich erinnere mich an die Zeit, wo man sich über die Hitze des Sommers freute. Es sind die sonnigen Sommerbilder der Kindheit, glückliche Tage des Freiseins in der Natur, der Ausgleich zwischen Toben und faulem Ausruhen, die vor meinem inneren Auge erscheinen. Autofahren mit weit heruntergekurbelten Fenstern, entweder ging es vollbepackt bis unter die Decke zum Sommerurlaub ans Meer, oder es war die Sonntagsfahrt an den Baggersee, Fahrtwind im Gesicht und auf den letzten Metern der trockene Staub des Feldweges. Der Duft nach Sonnenstrahlen, Wasser und Picknick. Und die Abende, wenn die Gewitter mit brütender Schwüle aufzogen, die ersten schweren Tropfen aufplatzend auf dem Asphalt und der Geruch nach nasswerdendem Staub. Hastig musste alles zusammengepackt und befestigt werden, und wenn schließlich der Regen so richtig aus dem Himmel stürzte war es ein Wettrennen zum Haus oder ein anderes schützendes Dach.
_________________________________________________________________________________________________________________________
Gedichte:
„Der Weiher“
„Er liegt so still im Morgenlicht,
So friedlich wie ein fromm Gewissen;
Wenn Weste seinen Spiegel küssen,
Des Ufers Blume fühlt es nicht;
Libellen zittern über ihn,
Blaugold’ne Stäbchen und Karmin,
Und auf des Sonnenbildes Glanz
Die Wasserspinne führt den Tanz;
Schwertlilienkranz am Ufer steht
Und horcht des Schilfes Schlummerliede;
Ein lindes Säuseln kommt und geht,
Als flüstr’ es: Friede! Friede! Friede!“
(Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848), Gedicht aus „Lesebuch für höhere Bildungsanstalten des Königreichs Bayern – Erster Band“, Seite 83, Hrsg. Alfons Bock, Verlag der Friedrich Kornschen Buchhandlung, 1907 Nürnberg)
(Anmerkungen: West, der, Substantiv, bedeutet Westwind; Karmin, das, Substantiv, ist eine rote Farbe / ein roter Farbstoff)
„Mittagsstille“
„Am Waldessaum lieg’ ich im Stillen,
Rings tiefe Mittagsruh’,
Nur Lerchen hör’ ich und Grillen
Und summende Käfer dazu.
Und Falter flattern im Kreise,
Kein Blatt rührt sich am Baum,
Die Gräser beugen sich leise,
Halb wach’ ich, halb lieg’ ich im Traum.“
(Martin Greif (1839–1911))
„Kornrauschen“
„Bist du wohl im Kornfeld schon gegangen,
Wenn die vollen Ähren überhangen,
Durch die schmale Gasse dann inmitten
Schlanker Flüsterhalme hingeschritten?
Zwang dich nicht das heimelige Rauschen
Steh’n zu bleiben und darum zu lauschen?
Rauscht’ es nicht von fernem Sichelklang?
Sang es drinnen nicht von Schnittersang?
Hörtest nicht den Wind auf fernen Höh’n
Lustig sausend du die Flügel dreh’n?
Hörtest nicht die Wasser aus den kühlen
Tälern singen du von Rädermühlen?
Nun im Korn sich Traum mit Traum verwebt,
Leise nun verhallt’s da und verschwebt,
In ein fein Gesumm von Orgelklingen,
Drein ihr Danklied die Gemeinden singen.
Rückt die Sonne rot der Erde zu,
Wird im Korne immer tief’re Ruh,
Und der liebe Wind hat’s eingewiegt
Wenn die Mondnacht schimmernd drüber liegt,
Wie von warmem Brot ein lauer Duft
Zieht mit würzg’en Wellen durch die Luft.“
(Ferdinand Avenarius (1856–1923))
„Die Mittagssonne brütet“
„Die Mittagssonne brütet auf der Heide,
Im Süden droht ein schwarzer Ring.
Verdurstet hängt das magere Getreide,
Behaglich treibt ein Schmetterling.
Ermattet ruh’n der Hirt und seine Schafe,
Die Ente träumt im Binsenkraut,
Die Ringelnatter sonnt im trägen Schlafe
Unregbar ihre Tigerhaut.
Im Zickzack zuckt ein Blitz, und Wasserfluten
Entstürzen gierig dunklem Zelt.
Es jauchzt der Sturm und peitscht die Ruten
Erlösend meine Heidewelt.“
(Detlev von Liliencron (1844–1909), Gedicht aus „Lesebuch für höhere Bildungsanstalten des Königreichs Bayern – Erster Band“, Seite 98, Hrsg. Alfons Bock, Verlag der Friedrich Kornschen Buchhandlung, 1907 Nürnberg)
_________________________________________________________________________________________________________________________
Viele herzliche Grüße
Brigitte
_________________________________________________________________________________________________________________________
